Gelbe Zettel, pinke Kreise, weiße Listen

Das Thema Bauarbeiten und Busbeschleunigung ist allgegenwärtig in St. Georg; die Gewerbetreibenden machen mobil. Knapp 2.000 Menschen haben mittlerweile ihre Unterschrift unter die Listen: „Stopp des Busbeschleunigungsprogramms“ gesetzt, unermüdlich haben die betroffenen Gewerbetreibenden mit Anwohnern und Passanten, anderen Geschäftsinhabern und Medien gesprochen, Treffen organisiert und an Formulierungen gefeilt.

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54 Gewerbetreibende haben inzwischen ein Positionspapier unterzeichnet, um die Bauplanung 2015 in der geplanten Form doch noch zu verhindern. Gefordert wird die zeitliche Begrenzung der Maßnahmen ebenso wie endlich funktionierende Sanktionen gegen Falschparker in den Lieferantenzonen. Auch die irreführende Ausschilderung während des ersten Bauabschnitts wird bemängelt: der Eindruck einer kompletten Vollsperrung wurde erweckt, so mancher hielt die ganze Straße für nicht befahr- und begehbar: auch Fußgänger und Taxis blieben weg.

Der Stand der Dinge

Ungewohnt ruhig ist es auf der Langen Reihe. Der erste Bauabschnitt auf der Straße ist fertig, die Durchfahrt seit gut 2 Wochen wieder möglich. Dennoch fahren weniger Autos, es geht gemächlicher zu als gewohnt.

Die rund fünfwöchigen Baumaßnahmen zur Busbeschleunigung wirken nach. Die Begriffe „Lange Reihe“ und „Straßensperrung“ scheinen für viele noch immer unmittelbar zusammen zu hängen, die Attraktivität der Straße hat gelitten. Auch die Baustelle am Spadenteich zur Erneuerung der Fernwärmeleitungen hat Parkplätze geraubt und macht auch diese Ecke unübersichtlich und unattraktiv.

Das alles merken Geschäfte und Restaurants, von denen einige bereits während der Bauphase Umsatzeinbußen von 30 – 70% hinnehmen mussten. Die Baustelle samt reduzierter Parkmöglichkeiten sowie die geänderte Verkehrsführung für Autos und Busse hatten im Oktober Hamburger und Touristen genervt.

Zudem reißt die Kritik an einigen der Umbauten nicht ab. Martin Sasse von der t-boutique konnte direkt aus seinem Geschäft mehrere Unfälle an der neuen Verkehrsinsel beobachten. Zeit dazu hatte er vor allem während der Bauphase, denn dank Bauzaun blieb gerade noch ein 1m breiter Streifen Gehweg vor seinem Laden übrig. „Flaniert wurde da nicht mehr, vielmehr wollten die Passanten die Baustelle möglichst schnell überwinden. Da hat niemand Lust auf Shopping.“

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Was wird 2015?

Nach den Erfahrungen mit der ersten Bauphase versetzt der geplante zweite Bauabschnitt die Gewerbetreibenden in Aufruhr: von April bis Juli 2015 sowie erneut im Herbst 2015 sollen die geplanten baulichen Veränderungen umgesetzt werden.

„Wie sollen die kleinen Läden überleben mit einer monatelangen Baustelle vor der Tür?“ fragt Carsten Peckmann.

StGeorg_14 11 14_5659Der Inhaber von Duke & Lyle, seit 1995 in der Langen Reihe ansässig, ist sauer. Nicht darüber, dass gebaut wird – über eine neue Asphaltdecke der Langen Reihe freut sich wohl jeder. Es geht um die schlechte Kommunikation und unzureichende Transparenz bei den Maßnahmen. Die Ladeninhaber fühlen sich ebenso wie viele Anwohner schlecht informiert über Umfang, Dauer und Zweck der Bauarbeiten.

StGeorg_14 11 14_5681Arno Müller vom Restaurant Central ist zornig: „Wie soll ich eine Personalplanung machen, wenn ich erst 4 Tage vorher erfahre, dass vor meinem Restaurant eine Baustelle entsteht und auf einmal deutlich weniger Kunden kommen?“ Seit 17 Jahren betreibt er sein Restaurant an der Langen Reihe, beschäftigt acht Mitarbeiter. Seine Stammkunden hielten ihm trotz Baustelle die Treue, aber was wird im nächsten Jahr? Wenn eine monatelange Baustelle mit Lärm und Schmutz die Gäste begrüßt, Außenplätze nicht möglich sind, der Zugang erschwert?  Seine Prognose: „Kleine Läden haben oft keine hohen Rücklagen, das werden hier einige nicht überleben“.

Ein ganz normaler Tag in der Langen Reihe

Vor einem Coffeeshop hält ein Lieferwagen auf der Fahrspur – ein anderer Parkplatz ist nicht frei. Der Verkehr staut sich, Autos überholen und blockieren damit die Gegenspur, ein Bus müht sich durchzukommen, ein Fahrradfahrer schlängelt sich im Slalom durch. Gegenüber ist die Polizei gemächlich beritten unterwegs, dahinter fährt brav eine Reihe von Fahrzeugen im Schritttempo – auch so kann man den Verkehr beruhigen.

Etwas Gutes scheint der Aufruhr immerhin zu haben: die Geschäftsinhaber rücken näher zusammen, gemeinsame Aktivitäten werden besprochen. Vielleicht ergibt sich daraus auch Positives, Kontakte, gemeinsame Aktionen. Denn eines benötigt die Lange Reihe jetzt und zukünftig ganz besonders: viele zufriedene Kunden und positive Nachrichten!

3 Kommentare zu Gelbe Zettel, pinke Kreise, weiße Listen

  1. Nein, ich bin kein Freund der Busbeschleunigung, aber auch wirklich kein Freund von Populismus. Und das geht mir hier doch stark in die Richtung! Deshalb mal zu den Fakten:

    Die angesprochenen Gewerbetreibenden werden in den nächsten Jahren keine Baustelle vor ihrer Haustür mehr finden, für die weiteren Bauabschnitte wird dieser mittlere Teil der Langen Reihe auch nicht gesperrt werden. Hier läuft jetzt alles!

    Als Anwohner wurde ich auch informiert (2 Wochen im Voraus) und statt 24h Verkehr gab es tagsüber 10h Baustelle. In der Presse, im Stadtteilbeirat und bei der Hochbahn wird seit Monaten geschrieben, besprochen und angekündigt.

    Im November spielen Aussenplätze kaum mehr eine Rolle und hier sei mal kurz erwähnt, dass ein Gehweg ist was er ist: ein Gehweg. Aussengastronomie auf dem Gehweg ist auch in der Langen Reihe kein Menschenrecht, das ich einfordern kann, sondern immer noch eine Sondernutzung, die unter bestimmten Umständen genehmigt werden kann. Ja, die Aufenthaltsqualität hat kurzfristig gelitten, aber alle Geschäfte waren grundsätzlich immer erreichbar.

    Ja, die Baustellensperrung hat noch ihre Nachwirkungen, der Verkehr fliesst langsamer und an der Haltestelle Gurlittstrasse können die Menschen jetzt auf ihren Bus warten, ohne nass zu werden und ohne den schlendernden Passanten im Weg zu stehen. Aber im Grossen und Ganzen hat der kleine Umbau diesen Teil der Langen Reihe zu einem schöneren, besseren Ort gemacht. Alles andere ist deutsches Gemecker auf zu hohem Niveau!

  2. Ich weiß gar nicht, was Ihr wollt, ist doch super, wenn auf der Langen Reihe weniger Autos fahren!

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