Wir schreiben das Jahr 2030…

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…und sitzen in der Langen Bäckerstraße. Kaum zu glauben, dass diese Straße vor knapp 15 Jahren noch Lange Reihe hieß und viele unterschiedliche Geschäfte beherbergte. Reisebüros gab es, Bekleidungsgeschäfte und Drogerien, Blumen und Brillen, Restaurants und Kneipen, ja sogar mehlfreie Lebensmittel konnte man hier kaufen. Nichts von alledem ist geblieben. Tür an Tür reihen sich heute die Bäckereifilialen: Brötchen-Flagshipstores der großen Bäckerkönige, Konditoreihochburgen mit Zuckrig-Sahnigem aller Art, dazwischen billige Selbstbedienungsbäckereien für die zahllosen Hartz 4-Empfänger im Stadtteil. Dazu die fast an jedes Bäckereigeschäft angeschlossene Außengastronomie inmitten der brezelverzierten Bodenpfeiler, die früher mal blaue Linien waren.

Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 2014,

als die Konditorei Boyens eine winzige Ecke vorn im Lagerhaus anmietete – um nach und nach die Gesamtfläche zu übernehmen. Heute ist das frühere Lagerhaus die Top-Kuchendestination in St. Georg – zusammen natürlich mit dem Gnosa, das sein Tortenangebot daraufhin schleunigst ausbaute und heute über insgesamt 3 Etagen auch nichts anderes mehr anbietet. Selbst mittags werden heutzutage in St. Georg fast ausschließlich Kuchen verzehrt – kein Wunder, denn die wenigen Restaurants, die noch nicht vor der Bäckermafia kapituliert haben, liegen in den Außenbezirken, wo Mieten für gastronomische Flächen noch für unter 150,- Euro/qm zu haben sind.

Wie konnte es so weit kommen?

Warum die Stadt dem Kuchentreiben nicht rechtzeitig ein Ende setzte, das versteht heute niemand mehr. Dass das Hamburger Abendblatt heute als Beilage der Bäckerblume bekannt ist, macht nur noch die Älteren unter uns wehmütig. Und selbst als  die Schulspeisung auf Rosinenschnecken und Donuts umgestellt wurde, blieb der Protest von Bürger- und Einwohnerverein verhalten. Auch der Franzbrötchenboykott im Jahr 2018 verhallte ohne Echo, weil uneinsichtige Streikbrecher ihre zimtigen Einkäufe heimlich in neutralen Tüten nach Hause schmuggelten. Als dann 2021 die Bäckermafia die aufständischen Frisöre St. Georgs mit altem Hartbrot niederschlug, war die Straße verloren, die Umbenennung nur noch Formsache.

Was haben wir damals über Vielfalt spekuliert, haben uns aufgeregt, wenn es wieder einen neuen Frisör gab, wenn ein Drogeriemarkt zwei große Filialen auf der Langen Reihe hatte, wenn ein neuer Imbiss oder ein neues Geschäft für Bekleidung eröffnete.
Klar haben wir die Bäcker auch schon im Auge gehabt, haben bei Facebook geposted und in Kommentaren gelästert, aber dabei immer noch lustig gezwinkert. Selbst den ersten Franzbrötchen Drive-In fanden wir noch cool. Heute würden wir es vielleicht anders machen, vielleicht mal auf ein Croissant verzichten, ein Zitronenröllchen weniger, mal kein belegtes Brötchen, kein Mokka-Baiser – wenn wir das nur gewusst hätten: dass es hier in 15 Jahren nur noch Bäcker gibt.

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1 Kommentar zu Wir schreiben das Jahr 2030…

  1. Schöne neue Zukunftsvision 🙂 Und es muss ja nicht mal jemand verdrängt werden. Die Nicht-Bäcker schließen ja von sich aus. Zur Zeit hätten wir noch Platz im ehemaligen 1000 Töpfe Fotoladen, im ehemaligen Hutladen sowie im Keller neben Frau Möller sowie im Fairy Food. Die Laybacklounge wurde ja leider bereits durch einen Wellness Salon ersetzt und Octopus durch „Otto’s Burger“. Da war die Brötchenmafia zu langsam.

    2030 wird sicherlich auch eine Studie belegen, dass die Schweinefleisch Qualität durch die hohe Bäckerdichte und dadurch bedingte noch größere Überproduktion an Backwaren gestiegen ist. Möglicherweise sind auch die Strompreise gesunken. In Hamburg wird ein Großteil des Mülls bekanntlich in Strom umgewandelt.

    Erschreckende Zukunftsvision 🙁

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  1. Verlag in der Laptoptasche #4 - Hamburg St. Georg

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